- CSC Terp Foundation e.V.
Cannabis und Psychoserisiko: Was die Studienlage zeigt und wo sie umstritten ist
Die EU-GEI-Studie fand bei täglichem Konsum ein etwa dreifach erhöhtes Psychoserisiko, bei täglichem hochpotentem Konsum ein knapp fünffaches. Bei seltenerem Konsum zeigte sich kein Zusammenhang.
Der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Psychosen gehört zu den am intensivsten untersuchten und zugleich am heftigsten diskutierten Fragen der Suchtforschung. Beide Extreme der öffentlichen Debatte gehen an der Datenlage vorbei: Weder ist ein Zusammenhang widerlegt, noch ist eine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung belegt. Dieser Beitrag stellt die zentralen Studienergebnisse dar, benennt die Einwände dagegen, beschreibt welche Faktoren das individuelle Risiko beeinflussen und ordnet ein, was daraus praktisch folgt.
Was ist eine Psychose?
Als Psychose bezeichnet die Medizin einen Zustand, in dem die Wahrnehmung der Wirklichkeit erheblich verändert ist. Typische Merkmale sind Wahnvorstellungen, Halluzinationen sowie Denk- und Sprachstörungen. Eine Psychose ist ein Symptomkomplex und keine einzelne Erkrankung; sie kann bei unterschiedlichen Krankheitsbildern auftreten.
Zu unterscheiden ist zwischen vorübergehenden psychotischen Symptomen, die während einer Substanzwirkung auftreten und danach abklingen, und länger anhaltenden psychotischen Störungen. Beides wird in der Forschung getrennt betrachtet, in der öffentlichen Diskussion aber häufig vermischt.
Wichtig für die Einordnung ist die Rolle der Veranlagung. Die Erblichkeit der Schizophrenie wird in der Forschung mit rund 80 Prozent angegeben. Eine Psychose entsteht damit aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, von denen Substanzkonsum einer unter vielen ist.
Was hat die EU-GEI-Studie ergeben?
Die am häufigsten zitierte Untersuchung ist die multizentrische Fall-Kontroll-Studie von Marta Di Forti und Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht 2019 in der Fachzeitschrift The Lancet Psychiatry. Verglichen wurden 901 Personen mit einer erstmaligen psychotischen Episode mit 1.237 Kontrollpersonen an 11 Standorten in England, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Italien und Brasilien.
Zwei Ergebnisse stehen im Mittelpunkt. Bei täglichem Cannabiskonsum lag das Risiko einer psychotischen Erstepisode nach Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren etwa dreifach höher als bei Personen ohne Konsum, ausgedrückt als Odds Ratio von 3,2. Bei täglichem Konsum hochpotenter Produkte mit einem THC-Gehalt ab 10 Prozent lag der Wert bei 4,8, also knapp beim Fünffachen.
Ebenso bedeutsam ist ein drittes Ergebnis, das in der Berichterstattung oft fehlt. Bei weniger als wöchentlichem Konsum fand die Studie keinen Zusammenhang mit Psychosen, und zwar unabhängig vom Wirkstoffgehalt. Auch bei nicht täglich Konsumierenden unterschieden sich die Effektstärken zwischen den Potenzgruppen nicht. Der beobachtete Zusammenhang wurde also überwiegend von täglichem Konsum hochpotenter Produkte getragen.
Welche Einwände gibt es gegen diese Auslegung?
Erhebliche. In derselben Fachzeitschrift erschien eine kritische Zuschrift, die vor allem an einer Rechnung der Studie ansetzt: dem Anteil der Fälle, die sich rechnerisch vermeiden ließen, wenn hochpotentes Cannabis wegfiele. Dieser Anteil wurde unter der Annahme berechnet, dass der beobachtete Zusammenhang vollständig ursächlich ist.
Genau das ist der Streitpunkt. Fall-Kontroll-Studien unterliegen regelmäßig Störeinflüssen. Eine ältere Übersichtsarbeit von Moore und Kolleginnen und Kollegen kam zu dem Schluss, dass zwischen 10 und 85 Prozent des beobachteten Risikos auf solche Störeinflüsse zurückgehen könnten. Hinzu kommt, dass in der EU-GEI-Studie 33,6 Prozent der Erkrankten nie Cannabis konsumiert hatten.
Ein weiterer Einwand betrifft die Richtung des Zusammenhangs. Untersuchungen mit genetischen Methoden deuten darauf hin, dass er in beide Richtungen wirken könnte. Bestimmte Genvarianten, die an der Entstehung einer Schizophrenie beteiligt sind, hängen demnach auch mit einer stärkeren Neigung zum Cannabiskonsum zusammen. Denkbar ist also, dass beginnende Symptome den Konsum begünstigen und nicht nur umgekehrt.
Welche Faktoren beeinflussen das individuelle Risiko?
Nach dem Stand der Forschung sind vier Faktoren besonders bedeutsam. Die Konsumhäufigkeit, wobei der Zusammenhang praktisch vollständig von täglichem Konsum getragen wird. Der Wirkstoffgehalt, wobei Produkte ab 10 Prozent THC in den Untersuchungen die höheren Werte zeigen. Das Alter beim Konsumbeginn. Und die individuelle Veranlagung, einschließlich einer familiären Vorbelastung für psychotische Erkrankungen.
Der Gesetzgeber hat daraus Konsequenzen gezogen. Für Mitglieder einer Anbauvereinigung zwischen 18 und 21 Jahren begrenzt § 19 Absatz 2 KCanG den THC-Gehalt auf höchstens 10 Prozent, also genau auf die Schwelle, ab der die Untersuchungen die deutlich erhöhten Werte finden. Die Mengenregelungen beschreibt der Beitrag zu den Höchstabgabemengen.
Die CSC Terp Foundation e.V. geht darüber hinaus und nimmt satzungsgemäß ausschließlich Personen ab 21 Jahren auf. Die Begründung dafür fasst der Beitrag zu Cannabis und psychischer Gesundheit zusammen.
Was bedeutet ein dreifach erhöhtes Risiko konkret?
Weniger, als die Zahl auf den ersten Blick nahelegt, und trotzdem etwas. Eine Verdreifachung bezieht sich auf ein Ausgangsrisiko, das in der Allgemeinbevölkerung gering ist. Aus einem kleinen Risiko wird durch Verdreifachung ein immer noch kleines, aber messbar größeres Risiko.
Hinzu kommt, dass eine Odds Ratio einen statistischen Zusammenhang auf Bevölkerungsebene beschreibt und keine Aussage über einen Einzelfall erlaubt. Sie sagt nicht, dass eine bestimmte Person mit dreifacher Wahrscheinlichkeit erkrankt, sondern dass in der untersuchten Gruppe ein entsprechendes Verhältnis gefunden wurde.
Für die persönliche Einordnung sind deshalb andere Fragen relevanter als die Kennzahl selbst. Wie häufig wird konsumiert, wie hoch ist der Wirkstoffgehalt, besteht eine familiäre Vorbelastung, gibt es bereits psychische Beschwerden. Diese vier Punkte bestimmen das individuelle Risiko stärker als jede Durchschnittszahl.
Wann sollte ärztliche Hilfe gesucht werden?
Bei psychischen Symptomen, die nach dem Abklingen der Substanzwirkung fortbestehen. Dazu zählen anhaltendes Misstrauen, Wahrnehmungsveränderungen, ungewöhnliche Gedankeninhalte, ausgeprägte Angst sowie Verwirrtheit. In solchen Fällen ist eine ärztliche Abklärung angezeigt, bei akuten Krisen der ärztliche Notdienst oder der Rettungsdienst unter 112.
Besondere Vorsicht ist bei bestehender psychischer Erkrankung, bei familiärer Vorbelastung für psychotische Störungen und bei laufender psychiatrischer Medikation angebracht. Hier sollte ein Konsum in jedem Fall ärztlich besprochen werden; mögliche Wechselwirkungen beschreibt der Beitrag zu Wechselwirkungen zwischen Cannabis und Medikamenten.
Für Fragen zum eigenen Konsumverhalten stehen in Hamburg kostenlose und auf Wunsch anonyme Beratungsangebote zur Verfügung. Sie richten sich ausdrücklich auch an Menschen, die ihr Verhalten lediglich überprüfen möchten. Die Anlaufstellen nennt der Beitrag zu den Beratungsstellen in Hamburg; die Grundlagen der Wirkung beschreibt der Beitrag dazu, wie Cannabis im Körper wirkt.
Dieser Beitrag dient der sachlichen Information und stellt keine medizinische Beratung dar. Die genannten Studienergebnisse beschreiben statistische Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene und erlauben keine Aussage über einzelne Personen. Die Frage der Ursächlichkeit ist in der Forschung nicht abschließend geklärt und wird kontrovers diskutiert. Bei psychischen Beschwerden wenden Sie sich an eine ärztliche Praxis, bei akuten Krisen an den Rettungsdienst unter 112.